Mirko Baselgia & Olga Titus

Stalla Madulain, Madulain, 19. Dezember 2020 – 27. Februar 2021.

Sobald wir den Raum im Obergeschoss der Stalla Madulain betreten, werden wir mit einem grossen Vorhang konfrontiert, der von einem der Deckenbalken hängt. Supercutis – GIUSTRAR (2020) evoziert eine Ritterrüstung, die sich, nachdem sie von einer Lanze durchbohrt wurde, entfaltet hat und im Begriff ist, zu Boden zu fallen. Die Ritter der Renaissance traten bei Turnieren in Rüstungen auf, die mit Zeichen und Bildern verziert waren und als symbolischer Schutzschild gedacht waren. Die Metalloberfläche war eine zweite Haut, auf der die Person und die Identität des Ritters dargestellt wurden. Sie war die äussere Manifestation einer inneren Realität. Hier ist der Ritter überwunden, die glänzende Schutzhülle verlässt seinen Körper und gibt auf der Innenseite seine eigene Haut frei. Die Schutzhülle besteht aus abgerundeten Tetra Pak-Schuppen, die auf ein Gewebe appliziert sind. Mirko Baselgia und sein Team haben Hunderte von Tetra Pak-Getränkekartons geborgen und gereinigt, um die silberne Oberfläche zu schaffen, die aus Schuppen besteht, die denen eines Fisches ähneln.

Die direkte, physische Konfrontation mit dem Material wird zum Symbol dafür, dass es notwendig ist, sich an vorderster Front zu engagieren, um den ökologischen Umbruch unserer Gesellschaft voranzutreiben. Der als Unterlage verwendete Stoff wurde zuvor in einen natürlichen Rübenfarbstoff getaucht, der ihm eine rosa Farbe verleiht. Diese Färbung und die Struktur der Oberfläche suggerieren ein organisches, sich bewegendes und sich ständig weiterentwickelndes Gewebe. Supercutis – GIUSTRAR evoziert nicht nur eine offene Rüstung, sondern wird auch zu einer Art reflektierendem Schirm und gleichzeitig zu einem Vorhang, hinter dem sich ein neuer narrativer Raum auftut. Ein gedehnter, fragmentierter Raum, in dem sich durch illusionistische Effekte Öffnungen und Verschlüsse vermischen, Realität und Fiktion überlagern. Ein Raum, der von einer Vielzahl von Türen, Fenstern und Rahmen bewohnt wird, die im grossen Spiegel an der Rückwand ein zweites Leben finden.

Wenn wir in den Raum eindringen, finden wir an der linken Wand, zwischen den beiden grossen Bogenfenstern, Self-portrait – reflecting the cobalt blue sky (2019), wo wir die Figur des Ritters wiederfinden, aber diesmal einen siegreichen Ritter, der den Künstler selbst symbolisiert. Diese Arbeit markiert einen Wendepunkt in der Praxis von Mirko Baselgia. In der Tat hat er vor kurzem beschlossen, dass er immer weniger auf externe Handwerker zurückgreifen und Werke schaffen möchte, die so weit wie möglich in seinem Atelier realisiert werden und eine Reflexion seiner eigenen Visionen und seines Wesens sind. Während der Herstellung dieses Reliefs fühlte sich der Künstler, erleichtert, endlich den entscheidenden Schritt zur Veränderung getan zu haben, wie ein Ritter, der sich nach einer gewonnenen Schlacht ins Gras legt und vor dem Einschlafen die Widerspiegelung des blauen Himmels auf seiner glänzenden Rüstung betrachtet und sich dabei geborgen und ruhig fühlt. Die mit blau bemalten Pappschuppen bedeckte Fläche stellt ein Detail seiner Rüstung, seiner zweiten Haut, dar und nimmt damit die Qualität eines abstrakten Selbstporträts an, das dieses Gefühl von Geborgenheit und Gelassenheit vermittelt. Den blauen Himmel in seiner Rüstung gespiegelt zu sehen, symbolisiert auch die Idee einer Art kosmischer Gemeinschaft, das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein. Self-portrait – reflecting the cobalt blue sky und alle ausgestellten Arbeiten sind Teil mehrerer fortlaufender Werkserien, die Baselgias Interesse an den Themen rund um die Haut zeigen. Als Inspiration für die ausgestellten Reliefs dienten rasterelektronenmikroskopische (SEM) Aufnahmen von Fischhäuten. Die regelmässige Überlappung von abgerundeten Schindeln, die ihre Oberfläche charakterisieren, lässt an die schützenden Schuppen denken, die die Haut der meisten Fische bedecken und die durch Widerspiegelung und Färbung auch eine effektive Tarnung bieten können. Die Haut in ihren unterschiedlichsten Formen ist eines der wiederkehrenden Themen im Werk des Künstlers, und der Ursprung dieses Interesses liegt auch in seiner Biographie. Seit seiner Geburt leidet er an einer erblichen Hautkrankheit namens Ichthyosis vulgaris, die trockene, schuppige Haut an einer oder mehreren Stellen des Körpers verursacht. Ichthyosis vulgaris wird oft als Fischschuppenkrankheit bezeichnet – die Vorsilbe „ichthyo-“ kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Fisch“ -, weil die Schuppen, die die Krankheit charakterisieren, wie Fischschuppen aussehen; auch die Oberfläche der Reliefs ist ein Hinweis darauf. Während sich Reflexionen über die Haut im Allgemeinen auf das konzentrieren, was einen Organismus von der äusseren Umgebung abgrenzt und schützt, sind sie in Baselgias spezifischem Fall umso mehr eine Gelegenheit, die möglichen biografischen Ursprünge seiner Krankheit zu identifizieren und gleichzeitig seine Reflexionen über seine eigene Identität zu vertiefen. Die schuppigen Reliefs erinnern auch an die Holzschindeldächer und -fassaden, die in verschiedenen Regionen der Welt, namentlich in der Schweiz und speziell in Graubünden, traditionell zur Isolierung von Gebäuden verwendet werden. Die Reflexionen über die Haut werden so auf die Architektur ausgedehnt, verstanden als eine zusätzliche Membran, die unseren Körper schützt, umhüllt und etwas über uns, unsere Werte und unsere Entscheidungen aussagen kann. Genauso wie die Wahl des Künstlers, für die Realisierung von Self-portrait – reflecting the cobalt blue sky Karton zu verwenden, ein recyceltes Material, das er in seinem Atelier gefunden hat, sind die Materialien und Entscheidungen, die unsere Lebensräume gestalten, eine Gelegenheit, über unsere Beziehung zum Territorium und seinen Ressourcen nachzudenken. In diesem Sinne beschloss der Künstler nach der Entstehung dieser ersten Arbeit der Serie, weiter über die Herkunft der verwendeten Materialien nachzudenken. Aus der Wiederverwendung von Pappe, die er in seinem Atelier gefunden hatte, entstand die Idee, Pappe aus den Sammelstellen der umliegenden Dörfer wiederzugewinnen. Und von der Verwendung gekaufter kobaltblauer Pigmente ging er dazu über, seine eigenen Pigmente aus Steinen herzustellen, die er in den Bergen seiner Region fand.

Supercutis – Radiolarit (2020), zu sehen auf der linken Seite der langen Wand, ist das Ergebnis dieser Überlegung. Die Schuppen wurden aus Karton hergestellt, der von Sammelstellen geborgen und zunächst sorgfältig ausgewählt wurde, um eine grösstmögliche Einheitlichkeit in der Qualität und Dicke des Materials zu erreichen. Während die sichtbare Seite der Schuppen ein homogenes Erscheinungsbild aufweist, verbergen sich auf der anderen Seite Farben, Schriftzüge und Bilder, die zuvor die Verpackungen unterschiedlichster Produkte belebt haben und die durch die leichte Bewegung der Schuppen gelegentlich zu erkennen sind. Die Tatsache, dass für die Realisierung dieser Arbeit gebrauchte Kartonagen und für die Ausführung von Supercutis – GIUSTRAR Tetra Pak-Getränkekartons aus den Sammelstellen der Region zurückgewonnen wurden, fügt dem künstlerischen Schaffen eine soziale und partizipatorische Dimension hinzu, die so mit der Realität des Territoriums und den Gewohnheiten und Entscheidungen der lokalen Bevölkerung eins wird. Recycelten Materialien neues Leben einzuhauchen, ist eine Gelegenheit, über unsere Konsumentscheidungen nachzudenken, über die Möglichkeiten, anders zu konsumieren und unserem Abfall einen neuen Wert zu geben.

In dem Bestreben, so viel wie möglich lokale Materialien zu verwenden, wurde die Farbe, die den Schuppen ihre Ziegelfarbe verleiht, im Atelier des Künstlers aus ausschliesslich lokalen Materialien hergestellt. Die Farbe ist auf Wasserbasis, verdickt mit Stärke aus der Region, und die Pigmente wurden aus Radiolarit-Steinen hergestellt, die Baselgia auf der Alp Flix, etwa zwanzig Kilometer von seinem Atelier entfernt, fand. Andreas Triet, ein profunder Kenner der Schweizer Steine, gab ihm wertvolle Tipps, welche Steine er suchen und wo er sie finden konnte. Delphine Schmid und Joannes Wetzel stellten grosszügig das Wissen und die Werkzeuge zur Verfügung, um die Steine in Pigmente zu verwandeln. Auf der Oberfläche des Reliefs kann man entlang der beiden vertikalen Seiten die Umrisse einer viereckigen Figur auf der linken Seite und die einer geschwungenen Figur auf der rechten Seite erkennen. Diese kaum sichtbaren Formen, die durch einen dünnen Schlitz in den Pappschuppen entstanden sind, schwingen mit den zahlreichen Öffnungen in der Stalla mit und sind ein Vorwand, um die oben erwähnte architektonische Reflexion zu erkunden. Durch die Präsenz dieser Formen, die auf die Öffnungsmöglichkeiten von Türen und Fenstern in Gebäuden hinweisen, wird die Nähe dieses Reliefs zu den für die Region typischen Schindelfassaden noch deutlicher. Die Tatsache, dass diese Öffnungen nur angedeutet werden und tatsächlich auch mit Schuppen bedeckt sind, bietet die Möglichkeit, die Vorstellungen von Innen und Aussen zu hinterfragen. Suggerieren diese illusorischen Öffnungen, dass wir nicht hinausgehen müssen, weil wir in Wirklichkeit schon draussen sind? Oder dass wir bereits drinnen sind und deshalb nicht eintreten müssen? Die Dehnung des Raumes durch den grossen Spiegel am Ende des Raumes verstärkt diese Illusionen und unsere Fragen.

Die architektonische Reflexion setzt sich im nächsten Relief, Supercutis – Pinus cembra (2020), fort, einer Variation des gleichen Prinzips in Arve, einem für die Region typischen Holz, das von Baselgia häufig für seine Kreationen und in Graubünden als Material für Verkleidungen und Innenausstattungselemente verwendet wird.

Geht man weiter in den Raum im mittleren Stockwerk der Stalla, findet man drei weitere Reliefs, die ebenso viele Variationen desselben Themas vorschlagen. Auf der linken Seite ist Supercutis – Prasinit (2020) eine weitere Version eines Reliefs aus recycelten Pappschuppen, diesmal bemalt mit Pigmenten des in Marmorera gefundenen Prasinits, die der Oberfläche eine pastellgrüne Farbe verleihen. Die blassgelben Schuppen des nächsten Reliefs sind mit Pigmenten eines stark zersetzten und verwitterten Kalks bemalt, der in Peiden Bad gefunden wurde. Diese Arbeit, mit dem Titel Supercutis – Don Quijote (2020), bringt durch ihre Form eine neue Dimension. Hier ist die Öffnung nicht nur angedeutet, sondern durch die Subtraktion der rechten unteren Ecke der quadratischen Fläche des Reliefs tatsächlich präsent. Supercutis – Pinus cembra(2020) schliesslich ist eine kleinere Variante des Reliefs mit Arvenschuppen auf der oberen Etage.

GIUSTRAR – „einen Turnierzweikampf austragen“ auf Romanisch – ist wie Velázquez‘ Meisterwerk Las Meninas eine „offene“ Ausstellung, ein Raum, der von Türen, Fenstern, Rahmen, Vorhängen, Spiegeln und Spiegelbildern bevölkert ist, in den wir eingeladen werden, einzudringen, ihn zu erleben. Während wir uns langsam vorwärts bewegen, wird unser Blick eingefangen, manchmal ausgetrickst, und unsere Gedanken schweben zwischen Ideen von Innen und Außen, Wesen und Erscheinung. Reflexionen über Haut sind eine Gelegenheit, über den Begriff von Identität nachzudenken. „Supercutis“ bedeutet im Lateinischen „Überhaut“ und ist damit einerseits eine Anspielung auf die zweite Haut, die durch die Rüstung konstituiert wird, und andererseits auf die Architektur als dritte Haut. Diese Hüllen sind als Erweiterung, als sichtbare und greifbare Realität unserer Identität gedacht, und die Eigenschaften, die die ausgestellten Reliefs mit diesen Schutzvorrichtungen des menschlichen Körpers teilen, stellen ein Mittel dar, um die Beziehung zu untersuchen, die jedes Individuum, mit seiner eigenen inneren Realität, zu allem um sich herum hat. Wir sind eingeladen, dorthin zu gehen, wo unser inneres Selbst auf die äussere Welt trifft. Der Ritter ist bereit zum Tjost.