«Werden – Vergehen – Werden» – Stephan Schenk im Dialog mit Giovanni Segantini

Segantini Museum, St. Moritz, 20. Juni – 20. Oktober 2020.

Auch diesen Sommer bietet das Segantini Museum einem Gegenwartskünstler die Möglichkeit, mit dem Werk des grossen Symbolisten ins Gespräch zu kommen.

Jahrelang hat sich der deutsche, in der Schweiz lebende Fotograf Stephan Schenk mit dem unermesslichen Leiden, den Grausamkeiten und Verwüstungen des 1. Weltkrieges auseinandergesetzt. Das künstlerische Resultat dieser intensiven Beschäftigung ist das Werk «Kreuzweg» (2011/12), ein Zyklus von vierzehn detaillierten Bodenaufnahmen von Schlachtfeldern. Gräser, Blätter, Kieselsteine, kleine Äste oder Wasser: Im Gegensatz zur Natur, die das Terrain zurückerobert und sämtliche Spuren verwischt, ist das Erinnern und Bewahren von Geschichte für den Menschen eminent wichtig. So ist Schenks Fotoarbeit Suche nach einer passenden Sprache, ist Erinnerung und Mahnmal zugleich (https://stephanschenk.ch/projekte/kreuzweg/).

Die Thematik des Transitorischen ist für beide Künstler zentral

.

Einige Jahre nach «Kreuzweg» und als Versuch eines versöhnlichen Abschlusses dieses Projekts entstand das Diptychon «Werden   Vergehen». Dabei hat Giovanni Segantini einen starken Einfluss auf die Arbeit des Fotografen ausgeübt: «Segantinis Triptychon war das ausschlaggebende Werk zur Umsetzung von Werden  Vergehen».

Die Thematik des Transitorischen ist für beide Künstler zentral. Sowohl Schenk als auch Segantini betrachten es in seiner doppelten und nur scheinbar widersprüchlichen, negativen wie positiven Valenz: als Vergänglichkeit, Hinfälligkeit alles Seienden, aber auch als sich immer erneuernden Fluss des Lebendigen, der nicht versiegen kann. So folgt zwar allem Werden und Sein ein Vergehen, dieses ist aber Endpunkt und zugleich Beginn eines neuen Werdens: «Das sich in der Natur alljährlich wiederholende Aufblühen und Verwelken», so Schenk über sein Diptychon, «kann uns wohlwollend gegenüber der eigenen Vergänglichkeit stimmen. Und doch wird der Weg von der Knospe zur verwelkenden Blüte, ähnlich dem von der Geburt zum Alter, auch als steter Abschied von einer paradiesischen Vorstellung erlebt.»

Die Thematik des Transitorischen gewinnt in der Krisensituation, die wir gegenwärtig erleben, besonderes Gewicht, so auch die Symbolik der hoffnungsbringenden Wiedergeburt der Natur.

Giovani Segantinis Triptychon „Werden Sein Vergehen“

Im Werk «Werden  Vergehen» setzt der Künstler seine Pfingstrosen-Fotografien in grossformatige, raffinierte Tapisserien um. Ein Grund für diese Entscheidung ist der Wunsch, dem Zweidimensionalen des fotografischen Mediums dreidimensionale Plastizität und haptischen Charakter zu verleihen. Darüber hinaus möchte er dadurch die Betrachtenden zu einer Reflexion über das Verhältnis von Nähe und Distanz einladen. Je näher man nämlich an die Tapisserien herankommt, um die Details zu betrachten, umso mehr löst sich das Blumenbild in die verwobenen Fäden auf. «Man verliert das grosse Ganze aus den Augen, wenn man sich zu sehr auf die Details einlässt», so Schenk.

Stephan Schenks verwelkende Vergängnis

.

Genau das Gleiche passiert bei der Betrachtung von Segantinis divisionistischen Werken, die aus gleichmässig schmalen und doch pastosen, langgezogenen Farblagen «gewoben» sind: Gehen wir zu nahe heran, dann zerfallen die Landschaften und Figuren in eine Vielheit von Strichen, die Synthese der Farbkompositionen löst sich in ein abstraktes Geflecht von grundfarbenen Fäden auf. Dadurch wird uns der nur vordergründig mimetische Charakter von Segantinis reifer Kunst auf einem Schlag bewusst.

Giovanni Segantini (1858–1899)

Triptychon :
Werden (La vita), 1896–1899
Öl auf Leinwand, 192.5 x 321.5 x 6 cm

Sein (La natura), 1897–1899
Öl auf Leinwand, 236 x 402.5 x 7 cm

Vergehen (La morte), 1896–1899
Öl auf Leinwand, 192.5 x 321.5 x 6 cm

Stephan Schenk (*1962)

Werden Vergehen, 2016
Diptychon, Tapisserie, je 210 x 285 cm, gewoben in 12 Farben

Text: Segantini Museum.